Mein Sohn kam neulich mit einer Frage aus der Schule heim, die mich kalt erwischt hat. Nicht weil ich die Antwort nicht kannte, sondern weil ich merkte, wie schwer es ist, sie richtig zu erklären. „Papa, wie heiß ist die Sonne eigentlich genau?" Ich murmelte etwas von „ziemlich heiß" und „ein paar Millionen Grad", und er schaute mich an, als hätte ich keine Ahnung. Hatte ich in dem Moment auch nicht — zumindest nicht präzise.
Also habe ich mich hingesetzt und es aufgeschrieben. Was folgt, ist die Antwort, die ich ihm hätte geben sollen. Und die überraschendste Erkenntnis dabei: Die Sonne hat gar keine einheitliche Temperatur. Sie schwankt je nach Schicht um Millionen Grad — und an einer Stelle wird es sogar physikalisch absurd heiß, heißer als alles, was im Inneren passiert.
Wichtige Erkenntnisse
- Die sichtbare Oberfläche der Sonne liegt bei etwa 5.500 °C — je nach Quelle werden 5.500 bis 6.000 °C genannt.
- Der Kern ist mit rund 15 Millionen °C der heißeste Teil.
- Die Korona, die äußere Atmosphäre, wird 1 bis 3 Millionen °C heiß — und niemand kann das vollständig erklären.
- Es gibt keine feste „Oberfläche" — nur eine Gasschicht, die für uns so aussieht.
- Gemessen wird aus der Ferne, über das Lichtspektrum. Niemand war dort.
Wie heiß ist die Sonne wirklich? Die Zahl, die fast stimmt
Fangen wir mit der Zahl an, die jeder kennt: rund 5.500 Grad Celsius. Das ist die Temperatur der Photosphäre, jener Schicht, die wir als „Oberfläche" wahrnehmen. Sie ist das, was Sie sehen, wenn Sie nicht in die Sonne schauen, was ich ausdrücklich empfehle.
Warum manche Quellen 5.500 und andere 6.000 Grad schreiben, hat einen simplen Grund. Die Photosphäre ist nicht überall gleich warm. Sonnenflecken — jene dunklen Punkte, die man mit einem geeigneten Filter erkennt — sind mit etwa 3.800 Grad deutlich kühler. Rechnet man alles zusammen, landet man bei einem Mittelwert von ungefähr 5.770 Grad, also knapp unter 6.000. Die effektive Temperatur der Sonne, so der Fachbegriff, liegt bei etwa 5.772 Kelvin.
Kelvin, Celsius, Fahrenheit — die Umrechnung
Weil viele danach suchen: In Kelvin ausgedrückt liegt die Oberfläche bei etwa 5.772 K. In Fahrenheit sind das rund 10.000 °F an der Oberfläche und im Kern etwa 27 Millionen °F. Der Unterschied zwischen Celsius und Kelvin ist bei diesen Größenordnungen übrigens fast vernachlässigbar — es sind nur 273 Grad Differenz, was bei 15 Millionen nicht ins Gewicht fällt.
Der Kern: 15 Millionen Grad unter der Oberfläche
Jetzt wird es ungemütlich. Im Zentrum der Sonne herrschen etwa 15 Millionen Grad Celsius. Zum Vergleich: Das ist rund 2.700-mal heißer als die sichtbare Oberfläche. Und das klingt zunächst paradox — sollte es nicht nach außen hin immer kühler werden?
Bei einem Lagerfeuer ja. Bei der Sonne nur bis zur Photosphäre. Danach passiert etwas, das Astronomen seit Jahrzehnten beschäftigt.
Warum es im Inneren so heiß ist
Der Grund ist der Druck. Im Kern lastet das Gewicht der gesamten darüberliegenden Masse, und dieser Druck presst Wasserstoffatome so eng zusammen, dass sie miteinander verschmelzen. Bei dieser Kernfusion wird Masse in Energie umgewandelt — nach der berühmten Formel E = mc². Ein winziger Bruchteil der Masse verschwindet und wird als Energie frei. Diese Energie braucht übrigens eine Weile, bis sie an die Oberfläche gelangt: Schätzungen sprechen von Zehntausenden bis Hunderttausenden Jahren, die ein Photon vom Kern bis dorthin unterwegs ist. Was Sie heute als Sonnenlicht spüren, entstand also lange bevor es Sie gab.
Die Korona: Warum die Sonne außen heißer ist als innen
Und hier kommt die Stelle, an der ich ehrlich sagen muss: Ich hatte keine Ahnung, dass das überhaupt ein Problem ist. Die äußere Atmosphäre der Sonne, die Korona, erreicht Temperaturen von 1 bis 3 Millionen Grad — also mehrere hundert Mal heißer als die Oberfläche darunter.
Das ist, als würde ein Zimmer immer wärmer, je weiter man sich vom Heizkörper entfernt. Physikalisch ergibt das keinen Sinn auf den ersten Blick. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik sagt eigentlich das Gegenteil voraus: Wärme fließt von warm nach kalt, nicht umgekehrt.
Was die Forschung vermutet
Zwei Erklärungsansätze werden diskutiert. Der eine sind Schallwellen — gewissermaßen der „Lärm" der brodelnden Sonnenoberfläche, der nach außen wandert und dort seine Energie abgibt. Der andere sind Magnetfelder, die sich auf der Sonnenoberfläche verheddern und schlagartig enorme Energiemengen freisetzen, ähnlich wie bei einem Kurzschluss im kosmischen Maßstab. Sicher ist: Vollständig geklärt ist das „Korona-Heizproblem" bis heute nicht. Es ist eine der offenen Fragen der Sonnenphysik.
Die Sonne von innen nach außen: eine Übersicht
Weil eine einzelne Zahl der Sache nicht gerecht wird, hier die Temperaturen im Vergleich. Ich habe die Werte bewusst gerundet — in diesen Größenordnungen ist jede Nachkommastelle ohnehin Spekulation.
| Schicht | Temperatur | Anmerkung |
|---|---|---|
| Kern | ~15 Mio. °C | Hier findet die Kernfusion statt |
| Strahlungszone | ~2–7 Mio. °C | Energie wandert nach außen |
| Konvektionszone | ~2 Mio. bis 5.500 °C | Plasma brodelt wie Suppe |
| Photosphäre („Oberfläche") | ~5.500 °C | Was wir als Oberfläche sehen |
| Chromosphäre | ~4.000 bis 20.000 °C | Dünne Schicht darüber |
| Korona | 1–3 Mio. °C | Das oben beschriebene Paradox |
Kurz gesagt: Die Sonne ist nicht „heiß". Sie ist ein Temperaturgefälle mit einer überraschenden Umkehr an der Außenseite.
Wie misst man die Temperatur eines Objekts, zu dem niemand fliegen kann?
Diese Frage hat mich beim Recherchieren am meisten fasziniert. Sie können ein Thermometer in die Sonne halten — aber Sie kommen nicht hin, und selbst wenn: Es würde verdampfen, bevor es irgendetwas anzeigt. Die Antwort lautet Spektroskopie.
Jedes heiße Objekt strahlt Licht in einem charakteristischen Spektrum ab. Je heißer es ist, desto stärker verschiebt sich der Schwerpunkt der Strahlung in den blauen Bereich — das beschreibt das Plancksche Strahlungsgesetz, aus dem sich die Wiensche Verschiebungsregel ableitet. Aus der Farbe des Lichts und der Verteilung über die Wellenlängen lässt sich die Temperatur berechnen, ganz ohne Hinflug. Man kann es sich vorstellen wie das Schätzen der Glühbirnentemperatur anhand ihrer Farbe: Rotglühendes Metall hat eine andere Temperatur als ein blau-weißer Stern.
Und die Sonnenflecken als Bestätigung
Ein schöner Nebeneffekt dieser Methode: Die kühleren Sonnenflecken erscheinen im Vergleich zur Umgebung tatsächlich dunkler. Aus ihrem Licht kann man ihre niedrigere Temperatur von etwa 3.800 Grad direkt ablesen. Die Messung bestätigt also die Theorie — die Sonne ist keine gleichmäßige Kugel.
Wie heiß ist das im Vergleich? Ein paar Alltagsanker
Zahlen wie „15 Millionen" sagen dem Gehirn wenig. Ich brauche Vergleiche, deshalb hier meine persönliche Skala von „unangenehm" bis „jenseits jeder Vorstellung":
- Kochendes Wasser: 100 °C. Verbrennt in Sekunden.
- Ein Blitz: rund 30.000 °C — etwa fünfmal so heiß wie die Sonnenoberfläche. Klingt verrückt, ist aber so.
- Lava: meist 700 bis 1.200 °C. Schmilzt Stahl.
- Der Erdkern: etwa 5.000 bis 6.000 °C — fast genau so heiß wie die Sonnenoberfläche.
- Sonnenoberfläche: 5.500 °C.
- Sonnenkern: 15.000.000 °C.
Hier ist der Punkt, an dem ich kurz schlucken musste: Der Erdkern ist fast so heiß wie die Oberfläche der Sonne. Das klingt falsch, ist aber tatsächlich so. Die Sonne ist im Kern um ein Vielfaches heißer, aber ihre sichtbare Schicht ist erstaunlich „mild" — zumindest im kosmischen Maßstab.
Und noch etwas, das für Kinder (und Erwachsene) oft verwirrend ist: Wie heiß die Sonne im Sommer ist, hängt überhaupt nicht mit ihrer Temperatur zusammen. Die Sonne wird im Sommer nicht heißer. Was sich ändert, ist der Einstrahlungswinkel auf die Erdoberfläche und die Tageslänge — physikalisch dieselbe Sonne, nur anders angeleuchtet.
Häufige Fragen zur Sonnentemperatur
Wie groß ist die Sonne?
Der Durchmesser beträgt etwa 1,4 Millionen Kilometer — rund 109 Erden würden nebeneinander hineinpassen. In Masse ausgedrückt vereint die Sonne etwa 99,8 Prozent der gesamten Masse unseres Sonnensystems auf sich. Diese schiere Größe ist übrigens der Grund für den extremen Druck im Inneren, der die Fusion überhaupt erst möglich macht.
Wie heiß ist die Sonne für Kinder erklärt?
Stellen Sie es sich so vor: Wenn die Sonne ein Lagerfeuer wäre, dann wäre der Rand des Feuers fühlbar warm, das Zentrum aber glühend heiß. Wenn Sie ein Kind fragen, ob es ein Thermometer in die Sonne halten könnte, kommt meist ein Lacher — und genau dort setzt die Erklärung an. „So heiß, dass jedes Thermometer sofort wegschmelzen würde" ist eine gute, ehrliche Antwort.
Was bleibt
Mein Sohn hat übrigens nicht schlecht gestaunt, als ich ihm die Korona erklärte. „Also ist es oben heißer?", fragte er, und ich musste zugeben: Ja, und niemand weiß so richtig genau, warum.
Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage „wie heiß ist die Sonne". Es gibt nicht die eine Temperatur. Es gibt eine Skala, die von 3.800 Grad an kühlen Flecken bis zu 15 Millionen Grad im Zentrum reicht — und ein ungelöstes Rätsel an der äußersten Kante. Wer eine Zahl braucht, nimmt 5.500 für die Oberfläche. Wer verstehen will, was da flammt, muss sich mit dem ganzen Gefälle beschäftigen.
Und ehrlich? Die Vorstellung, dass ein einzelnes Photon, das heute auf meine Haut trifft, vor Hunderttausenden Jahren im Kern entstanden ist, gefällt mir besser als jede Temperaturangabe.